24 Januar: .....
mittendrin,
Kalt war die Nacht
im Zelt auf dem Mela-Gelände, ...sehr kalt und laut - dank ständiger
schriller Lautsprecherdurchsagen, welche die Nacht zerrissen.
Übernächtig stolpere ich ins Dunkel, ... 5 Uhr morgens.
Nur schemenhaft nehme ich endlose Kolonnen von Menschenleibern war,
alle bepackt, nur das Ufer des heiligen Ganges als Ziel vor Augen.
Befehlsgebell allgegenwärtiger Polizisten, sie versuchen dem Strom
von Millionen Menschen eine Richtung zu geben - an diesem Tag werden
es zwischen 20 und 30 Millionen Pilger sein.
Am Flussufer angekommen ist es vor lauter Menschen nicht zu erkennen.
Erste Lichtstreifen
des neuen Tages sind am Horizont zu erkennen und das Spektakel, das
Bad der nackten Sadhus, Babas, der einzelnen Akharas und Nagas beginnt.
Die
Menschen drängen an die Absperrzäune heran, um näher
an den heiligen Männern zu sein.
Ich mitten drin!
Ich überlege ob ich in Panik ausbrechen soll?
Warum ...? Zum einen nicht rechtzeitig in Schussposition zu kommen,
zum anderen in der Menge erdrückt zu werden.
Nein, keine Panik, Dank meiner beiden indischen Guides bin ich, ...
weiß nicht wie, in die vorderste Linie gelangt, nur durch eine
Polizeikette von den Sadhus getrennt. Die Pilger rufen: "Har har
Ganga, bam bam bhole" (hoch lebe die Mutter Ganga, laßt sie
uns feiern), oder "Ganga Mai Ki Jaii" (Sieg der Mutter Ganga).
Fasziniert
vom Anblick der archaischen Prozession, vergesse ich fast zu fotografieren.
Auf einmal, ohne Vorwarnung, drehen einige Nagas durch und rennen mit
ihren Schwertern und Dreizacken auf uns Fotografen zu und stechen auf
uns ein.
Ein indischer Kollege bricht blutüberströmt zusammen, ein
Dreizack hat ihn voll im Gesicht getroffen, aber er wird tapfer von
seinen Kollegen verteidigt.
Die Polizei
schaut zu und traut sich nicht gegen die "heiligen Männer"
einzuschreiten.
Blitzschnell habe ich den Rückzug angetreten und genauso meine
ursprüngliche Position wieder eingenommen.
Doch nun stehen vier, orangerot gekleidete Babas neben mir, einen fünften
tragen sie in ihrer Mitte.
Sie
legen ihn inmitten der Menschen auf den Boden, mit Blick auf die Sahdus
und Nagas und auf die "Mutter Ganga". Sie haben ihn zum Sterben
hergebracht.
Die höchste Erfüllung für einen Hindu ist, an einem heiligen
Tag, zur heiligen Stunde, an heiliger Stelle (Sangam), mit Blick auf
die heiligen Männer und den heiligen Fluss Ganges zu sterben.
Ich bin tief bewegt,
erlebe seine letzten Atemzüge mit, sein Sterben und das Schließen
seiner Augen.
In dieser Zeit nehme ich nur noch - inmitten der ganzen Menschenmassen
- diese fünf Menschen wahr. 
Sein Körper wird noch am Abend verbrannt und die Asche in den Ganges
gestreut.
Seine Seele ist vielleicht, unter Umgehung weiterer Wiedergeburten,
direkt ins Nirwana eingegangen.
An diesem Abend
liege ich noch lange wach!